Magdalena Fasching

In Between - Irgendwo im Nirgendwo

Auszug "Vollgestopft und Ausgehungert"

 

Ja, ich bin eine multiple Persönlichkeit. Die Ärzte wollen es zwar nicht so nennen, weil „In meiner ganzen Laufbahn als Oberarzt und Therapeut ist mir noch keine einzige multiple Persönlichkeit untergekommen!“ Wo die wahren Grenzen für eine korrekte Definition liegen weiß ich nicht. Ich nenne es mal so, um das Ganze auf den Punkt zu bringen. Meines Erachtens ist diese Störung eine der schlimmsten überhaupt, weil die Definition auf reinem Beschreiben persönlichem Erlebten beruht. Niemand kann je nachweisen, wie das Empfinden tatsächlich aussieht. So konnte auch ich nur erzählen, wie es für mich war, als ich die Pizzaschachtel in meinem Mistkübel fand, aber anhand von Fakten nachprüfen konnte es niemand. Es konnte mir auch niemand sagen, ob ich dissoziiert, schlafgewandelt oder die Person gewechselt habe. Das einzige, wo man eine Veränderung im Gehirn sehen konnte, war am EEG. Denn laut Gehirn wirkten meine Gehirnströme, als wäre ich kurzzeitig eingeschlafen. Ich war aber die ganze Zeit über munter. Das wurde mir sogar von der durchführenden Ärztin bestätigt. Sei wie dem sei, ich nenne es multiple Persönlichkeit, obwohl man heute Dissoziative Identitätsstörung sagt.

Oftmals falle ich regelrecht auseinander. Wie dieses kleine System, das ich eben beschrieben habe. Aber ich bin mein eigenes System. Wir sind unser System. Unser eigenes Netz. Es ist schwer, es immer zusammenzuhalten, denn wenn man multipel ist, macht das System oftmals von selbst was es will. Du hast keinerlei Einfluss darauf. Plötzlich bist du gespalten. Wie eine Glasscheibe, die zu Boden fällt und in tausend Scherben zerspringt. Plötzlich bist du Viele. Und du kannst es nicht mehr beeinflussen.

Richtig schlimm wird es, wenn die eine Persönlichkeit etwas ganz anderes will, als die andere. Zum Beispiel Essen. Wenn dir die eine Persönlichkeit einredet, sie hätte Hunger und die andere kämpft dagegen an, weil sie ganz genau weiß, sie darf nichts essen.

Nicht jede meiner Persönlichkeiten hat diese kleine Freundin. Nicht jede meiner Persönlichkeiten ist magersüchtig. Auch nicht jede ist bulimisch. Ich hasse die anderen Persönlichkeiten. Die, die nicht magersüchtig sind. Sie machen mir Angst! Sie widersprechen total meinen Prinzipien und dennoch muss ich mich ihnen beugen, wenn sie präsent sind. Und dann muss ich essen. Manchmal weiß ich davon, manchmal vergesse ich es auch wieder. Man kann sich nicht immer an die Aktionen der verschiedenen Persönlichkeiten erinnern. Manchmal weiß ich nicht mal mehr, dass ich gegessen habe. So als würde ich schlafwandeln.

Ich bin Schlafwandlerin. Da kann es schon mal passieren, dass ich nachts esse und nächsten Tag nichts mehr davon weiß. Nur die leeren Packungen finde und mich wundere, warum ich einen solch seltsamen Geschmack im Mund habe. Dann weiß ich, dass ich nachts wieder auf Fresstour war. Und ich hasse mich dafür! 

Manchmal kann ich mich jedoch an die Aktion der fremden oder anderen Persönlichkeit erinnern und hasse mich ebenfalls im Nachhinein. Während dessen kann ich es nicht stoppen, aber danach fühle ich mich schäbig, eklig und dreckig. Und ich ritze mich. Um den Schmutz von mir wegzuwaschen.

Multiple zu sein ist aber auch lustig. Unterhaltsam. Vor allem für andere. Oder war es verwirrend was sie dazu sagten? Eines Tages habe ich eine Fotocollage gemacht und sie ‚Me and my twelve personalities‘ betitelt. Und seitdem ist es so. Ich besitze zwölf Persönlichkeiten. Keine Ahnung wie viele es wirklich sind. Manche sind schon alt und sterben. Verschwinden sozusagen. Andere kommen dazu. Werden hineingeboren in das multiple System. Irgendwann hat Mama angefangen ihnen Namen zu geben. Fürchterliche Namen. So viel sie sind, die verschiedenen Persönlichkeiten. So kamen wir zu Namen wie Kunigunde oder Brunhilde. Aus Spaß natürlich!

 

Multiple sein – Humor besitzen müssen

 

Anders könnte man damit auch nicht umgehen. Es entspricht eben nicht der Norm Viele zu sein. Verschiedene Seiten zu haben ist etwas Anderes. Etwas Normales. Aber gleich zwölf Persönlichkeiten mit noch dazu verschiedenen Seiten zu besitzen ist für die meisten Leute eine Nummer zu groß! Manchmal muss ich selbst über mich lachen, doch meistens vergeht es mir. Vor allem, wenn ich selbst nicht mehr differenzieren kann zwischen Dissoziation und Personenwechsel. Letztens erst wieder ist es mir so ergangen. Ich war den ganzen Tag schon seltsam drauf. Kaum wechselte ich die Lokalität, konnte ich mich schon wieder nicht mehr an das Vorherige erinnern. Plötzlich fand ich mich in meiner Wohnung wieder. Ich war müde. Ging schlafen. Nächsten Morgen die große Überraschung; mein Gewand am Fußboden, als wäre ich in die Wohnung gekommen, hätte mein Zeug auf den Boden geschmissen und wäre schlafen gegangen. Meine Schuhe nicht dort wo sie sein sollten. Schlampig, mitten im Weg und eine leere Pizzaschachtel im Altpapierkorb. Und ich wunderte mich noch warum ich die ganze Nacht unbeabsichtigt gespieben habe. Mozzarella. Eine ganze Pizza. Kein Wunder. Viel zu fett für meinen Magen. Aber wann war ich einkaufen? Und vor allem wo? Und wie habe ich die Pizza warm gemacht? Da vergeht selbst mir das Lachen. Nämlich genau da, wo die große Ungewissheit, verbunden mit Angst, im Spiel ist. Nicht wissend, wozu man im Stande ist. Natürlich weiß ich inzwischen, dass ich in solchen Momenten nie Dinge tun würde, die ich sonst auch nicht tun würde. Ich würde nicht aus dem Fenster springen, weil ich es für die Türe halte, ich würde nicht den Herd einschalten und mich wieder hinlegen und ich würde auch nicht mit einer Zigarette einschlafen und die Wohnung niederbrennen. Dennoch habe ich wahnsinnige Angst davor. Angst vor mir selbst. Angst vor dem, was passieren könnte. Weil man es eben nicht weiß. Und wenn ich dann um zwei in der Früh Suppe kochend aufwache, dann gibt mir das schon immer wieder zu denken.    

 

Die Magersucht an sich ist aber auch eine multiple Persönlichkeit. Manchmal habe ich den Eindruck, als wüsste sie nicht, was sie will. Will sie uns nun umbringen oder ein besseres Leben zeigen? Einerseits führt sie uns ins Verderben, denn wir werden nie gut genug sein um ihr das Wasser reichen zu können. Wir werden nie dünn genug sein, um essen zu dürfen. Wir werden nie diszipliniert genug sein, um uns etwas gönnen zu dürfen. Auf der anderen Seite lehrt sie uns sich wohl zu fühlen und unseren Körper zu lieben. Umso dünner ich bin, umso mehr liebe ich meinen Körper.