Magdalena Fasching

In Between - Irgendwo im Nirgendwo

Auszug: „Lebensflucht-Todessucht“

 

…[Plötzlich legte Elena die Packung zurück, als würde sie einen ungeheuren Ekel für sie empfinden. ‚Nein, ich möchte nicht dass man mich findet und denkt, das letzten das ich getan hätte, wäre ESSEN!’ Willkürlich schob sie Kekse und Schokolade bei Seite, als müsse sie sich vor ihnen schützen und murmelte etwas vor sich dahin. ‚Essen ist etwas Seltsames! Es ist so einfach, so natürlich- man sollte fast meinen normal. Nicht zu essen hingegen bedeutet sich der Normalität abzuwenden, autonom zu sein. Mund auf, Bissen hinein und schlucken. Fast schon routiniert, automatisch. Sich zu weigern heißt die Routine zu durchbrechen.’

„Weißt du, eine Zeit lang habe ich jetzt meist alleine gegessen- heimlich- und somit den Schein aufrechterhalten“, sagte sie zu ihrer besten Freundin, die selbst seit Jahren an Bulimie litt. „Aber eben nur meinen Schein. Dabei habe ich mich selbst belogen. Ich war der Meinung, wenn andere denken, ich würde nicht essen, esse ich tatsächlich nicht. Aber die anderen sollen ja auch sehen, dass ich nicht esse, dass ich mich sehr wohl beherrschen kann.“ „Und was hättest du davon?“ „Ich weiß es nicht. Ich möchte einfach nicht, dass andere denken, ich wäre schwach. Ich möchte mich diesem hedonistisch-gierigem Bedürfnis nicht unterwerfen. Ich möchte einfach stärker sein als alle anderen. Und ich möchte mich wieder spüren! Die Kälte, den Schmerz- Hunger, Auszerrung. Dabei vermisse ich nicht mal den physisch kranken Körper, sondern mehr das psychische Empfinden dabei, verstehst du?“ Ihre Freundin nickte. „Oh ja, ich weiß sehr gut was du meinst. Vielleicht sogar zu gut. Aber ich habe mich nie nach diesem Schmerz gesehnt. Bei mir ist es mehr die Sucht nach dem Wissen, essen zu können und es trotzdem nicht bei mir behalten zu müssen. Und ich möchte ja essen. Manchmal genieße ich es sogar richtig, weil ich mir einfach keine Gedanken darüber machen muss, wie viele Kalorien ich zu mir nehme, da es sowieso wieder rauskommt.“ „Und du meinst, das ist der bessere Weg?“ „Nein! Und das habe ich auch nie behauptet. Wenn überhaupt, ist es der bequemere Weg. Aber zumindest bin ich nicht ständig den Stimmen ausgeliefert, die mir sagen, bei jedem Bissen fetter zu werden.“ „Aber was hast du davon? Wozu isst du, wenn du danach sowieso alles wieder rauskotzt? Wäre es dann nicht gescheiter, erst gar nicht damit anzufangen?“ „Nein! Ich möchte ja nicht aufhören zu essen! Ich möchte auch nicht abnehmen. Gut, ein bisschen vielleicht, aber  mir ist wichtig nicht zuzunehmen. Und bei den Mengen, die ich bei einem Fressanfall verdrücke, wäre das anders wohl kaum möglich. Außerdem schmeckt es mir ja! Nur die Beherrschung fehlt mir manchmal. Es gibt schon auch Tage, an denen ich gar nichts brauche oder mit einem Teller Suppe genug habe, aber ich weiß ja, dass ich sehr wohl mehr essen könnte und sobald ich damit anfange, kann ich nicht mehr aufhören. Du kennst das wahrscheinlich nicht, aber es ist, als wärst du plötzlich süchtig nach Essen und du brauchst immer mehr und mehr, egal ob es dir schmeckt oder ob du es sonst auch essen würdest- Hauptsache Zucker, Fett und Kalorien!“ Elena überlegte einen Moment. ‚Oh ja, dieses Gefühl kenne ich sehr gut!’ Auch sie war der Versuchung oft genug unterlegen, sodass sie die Beherrschung verlor und einfach darauf los aß, egal ob verboten oder nicht verboten, egal ob sie es vertragen würde oder nicht- Hauptsache Zucker, Fett und Kalorien- wie ihre Freundin sagte. „Du wirst es nicht glauben, aber auch ich habe solche Heißhungerattacken. Wahrscheinlich nicht in diesem Ausmaß, aber für mich sind es Berge, die ich da verschlinge.“ Ihre Freundin lachte. „Was denn zum Beispiel? Oder wie viele Kalorien nimmst du in etwa während eines Fressanfalls zu dir?“ „So gesehen eh nicht so viel. Maximal sechshundert Kalorien, eine Tafel Schokolade vielleicht, oder eine Schachtel Kekse- wobei, das seltener- eher ein Sackerl Gummifrüchte. Aber ich könnte auch gar nicht mehr essen, da mir danach eh so schlecht ist, dass ich mich nur mehr niederlegen kann. Trotzdem kommt es mir jedes Mal so vor, als hätte ich Unmengen in mich hineingestopft. Wahrscheinlich weil ich mich danach so dermaßen schlecht fühle. Manchmal wünschte ich auch, ich könnte es einfach wieder rauskotzen, aber das möchte ich mir nicht mehr anfangen. Also versuche ich es abzutrainieren. Nur dass ich danach jedes Mal das Gefühl habe, noch fetter zu werden.“ „Aber siehst du, du kannst es auch nicht immer lassen. Manchmal muss man eben essen. Nur dass ein gesunder Mensch weiß, wann genug ist- wir nicht. Ich zumindest kenne kein Hungergefühl, genauso wenig wie ein Sättigungsgefühl. Ich esse, wann ich einen Gusto habe und das so lange, bis mir schlecht ist. Dann kotze ich und danach esse ich weiter.“ „Darf ich fragen, was  du während dessen alles so isst?“ „Sicher. Aber du wirst staunen. Es ist total verschieden, manchmal koche ich, zum Beispiel Unmengen an Nudeln oder Fleisch, dann wieder esse ich nur Süßes. Je nach dem, was zu Hause ist und wie viel Geduld ich habe.“ „Und warum kannst du nicht einfach versuchen, weniger zu essen und das dafür bei dir zu behalten? Joghurt oder Obst?“ „Weil ich mir in dem Moment eben denke: wozu? Ich kann es mir ja leisten- wenn du weißt, was ich meine.“ Elena nickte. Auf der einen Seite konnte sie ihre Freundin sehr gut verstehen, auf der anderen Seite hatte sie sich irgendwann geschworen, lieber ganz darauf zu verzichten und auch dazu zu stehen, als sinnlos in sich hineinzustopfen um es danach wieder loszuwerden. Und sollte sie doch einmal die Beherrschung verlieren, musste sie ihrer Meinung nach gerecht bestraft werden- in dem sie sich selbst zu stundenlangem Training zwang. „Wünscht du dir nicht auch manchmal, die Krankheit einfach aufgeben und wieder normal essen zu können?“ „Doch! Sehr sogar! Aber ich habe Angst davor.“ „Siehst du, genau wie ich. Nur dass ich so gesehen ja normal esse und es auch kann, zumindest glauben das die anderen.“ „Und das stört dich nicht?“, fragte Elena. „Nein, ganz im Gegenteil. Ich möchte ja, dass die Leute glauben, ich wäre gesund. Schließlich habe ich auch nicht Bulimie.“ „A ja, du nicht. Natürlich.“ Elena warf ihr einen sarkastischen Blick zu, aber ihre Freundin wusste, was sie damit meinte. Immerhin kannten sie sich lange und gut genug, um sich noch irgendetwas vormachen zu müssen. Und nicht um sonst hatten sie sich über ihre Krankheiten kennen gelernt. Eine Zeit lang schien es das einzige zu sein, was die beiden Mädchen miteinander verband, was immerhin eine Menge war. Schließlich konnte man nicht mit jedem seine Ängste, Zweifel und auch Erfolge teilen und nur wenige konnten den Kampf, den sie tagtäglich mit sich austrugen, nachvollziehen. Heute sind ihre Essstörungen nur mehr stille Begleiter einer wunderbaren und wertvollen Freundschaft, wenn auch über eine enorme Distanz, aber selbst diese konnte sich den beiden nicht in den Weg stellen. Manchmal zweifelte Elena daran, ob ihr Verständnis für die Bulimie wirklich ein Vorteil war. Auch ihre Freundin machte sich oft Vorwürfe, wenn Elena ihr stolz vom Hungern erzählte. Schließlich hätte sie sie als ihre beste Freundin daran hindern müssen, was sie auch versuchte, ihr aber auf Grund des Mitgefühls nur selten gelang. Genau wie Elena. Immer wieder bemühte sie sich, auf ihre Freundin einzureden, ihr Mut zu machen und sie zu einer Therapie zu bewegen, auf der anderen Seite konnte sie ihre Ängste verstehen und wollte sie nicht länger damit nerven. Schließlich wollten sie für einander da sein und nicht ihr Vertrauen gefährden, in dem sie sich mit Vorwürfen überhäuften. Und so war es auch. Sie telefonierten, erzählten einander von ihren Problemen, hörten zu, gaben den einen oder anderen Ratschlag. Und danach, wenn sie aufgelegt hatten, hoffte jede für sich, dass sich eines Tages etwas ändern und sie sich doch noch helfen lassen würden.

„Es ist schon seltsam“, sagte Elena, „du belügst dich und alle anderen, um deinen Schein zu wahren, um ja nicht darauf angesprochen und möglicherweise noch für krank erklärt zu werden, und ich belüge mich und alle anderen, aus Angst davor für gesund gehalten zu werden. Du möchtest, dass alle meinen du würdest normal essen und ich fürchte mich davor.“ „Aber ich esse ja auch normal, im Gegensatz zu dir. Nur dass man es dir heute nicht mehr ansieht.“ „Und genau das ärgert mich so daran. Nur weil ich wieder zugenommen habe, denken alle, es würde wieder passen.“ „Da hast du Recht. Manchmal wünsche ich mir auch, richtig dürr und abgemagert zu sein, damit die Leute endlich einmal sehen, dass es mir nicht gut geht. Das ist genau das Gleiche wie mit dem Schneiden. Manchmal wünschte ich, jemand würde es merken. Einfach einmal fragen wie es wirklich geht.“ „Ja, und wenn wir uns dann geschnitten haben, verstecken wir es unter langen Pullovern und Bandagen und bemühen uns es um alles in der Welt geheim zu halten.“ Ihre Freundin nickte zustimmend. „Richtig. Denn im Endeffekt wissen wir sowieso nicht was wir darauf sagen sollten. Eher würden wir im Erdboden versinken, als jemandem unser Herz auszuschütten.

Sag, darf ich dich fragen, warum du so ein Problem damit hast, wenn andere glauben, du wärst gesund? Wäre das denn nicht besser? Immerhin würdest du dir eine Menge unangenehmer Fragen ersparen.“ „Das schon, aber dann würden die Leute glauben, ich wäre nicht mehr so diszipliniert und beherrscht, wie ich es einmal war. Zumindest würde es danach aussehen- was es im Grunde sowieso tut, denn zugenommen habe ich ja schon. Aber weißt du, Abnehmen, Reduzieren, Fasten, Diät-Halten, das sind nicht bloß Spinnerein, ein Streben nach äußerlicher Perfektion, nach Zahlen auf der Waage- nicht für mich! Für Essgestörte- und da stimmst du mir sicher zu- nimmt diese Bedeutung von „Diät“ schnell ab und geht über zu einer Unzahl anderer Gründe und Wünsche. Es ist viel mehr das Bestreben nach Disziplin, nach Kontrolle und Selbstbeherrschung. Eine Reduktion der Bedürfnisse, der Sehnsüchte, der Gier, des Verlangens und auch der Gefühle. Man entzieht sich sozusagen jeglicher Grundbedürfnisse- nach Außen hin eine starre Perfektion, aber innerlich bedeutet es so viel mehr. Und genau das möchte ich noch einmal erreichen. Ich habe mir bislang alle anderen Bedürfnisse verboten; Gefühle, Liebe, Nähe, Intimität. Nur beim Essen bin ich gierig und maßlos. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren, aber wenn ich es mir selbst schon eingestehen muss, dann möchte ich wenigstens vor den anderen mein bisschen Würde, die ich noch besitze, bewahren.“ Mitfühlend nickte ihre Freundin, als würde ein Teil in ihr das Selbe empfinden, wenn auch ihre Krankheiten zwei verschiedene wahren. Die eine sehnte sich nach Vielem, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen, die andere verzehrte sich nach Wenigem und war bereit alle damit verbunden Folgen auf sich zu nehmen. „Sich einfach umzubringen ist leicht- sich mitten aus dem Leben zu reißen, aber langsam verschwinden- sich auflösen, das erfordert viel mehr Disziplin. Einfach aufhören, zu existieren- das Aufhören an sich erleben. Nicht einfach aufhören zu leben. Einfach beweisen, stark und unabhängig zu sein. Selbst zu sein. Und dann wieder wünschte ich, die Fürsorge meines Körpers einfach in die Hände andere zu geben, jemand anderen um ihn kämpfen zu lassen- einfach nur ohnmächtig zu sein. Aber dafür bin ich mir verdammt noch mal zu stolz!“ „Warum eigentlich? Was wäre so schlimm daran? Wenn ich daran denke, wie oft ich schon ohnmächtig geworden bin. Natürlich war es nicht immer angenehm inmitten von Leuten am Boden zu liegen und sich nicht auszukennen, aber ein wirkliches Problem hatte ich nie damit. Ich kann schließlich eh nichts daran ändern. Wenn mein Körper schlapp macht, bin ich chancenlos. Also muss ich es einfach akzeptieren.“ Mit einem Hauch von Resignation zuckte sie mit den Schultern, aber sie hatte Recht. Sie konnte es ohnehin nicht ändern. „Ich weiß auch nicht. Es wäre einfach das Schlimmste für mich, auf andere angewiesen und hilflos zu sein! Obwohl sich ein Teil in mir sogar danach sehen würde.“ „Vielleicht der Teil, dem du ständig verbietest zu leben?“ Nachdenklich starrte Elena zu Boden. „Und was ist mit dir? Warum willst du dir nicht helfen lassen?“ „Ich denke, weil ich einfach noch nicht so weit bin. Und momentan geht es mir auch gut.“ „Ja, noch! Nur irgendwann wird dein Körper nicht mehr mitmachen!“ „Das ist mir durchaus bewusst und ich weiß schon, dass ich was ändern muss, aber ich habe genauso Angst davor! Momentan ist es halt mein kleines Geheimnis, das mir niemand nehmen kann- und so soll es auch bleiben, vorübergehend zumindest.“

Ja, Geheimnisse hatten die beiden viele und keine von ihnen war bereit, sie mit anderen zu teilen, außer mit sich selbst. Aber was sie dabei übersahen, war, dass auch ihre Freundschaft Grenzen hatte. Sie konnten für einander da sein, sich gegenseitig zuhören und versuchen zu helfen. Dennoch musste jede für sich erst an den Punkt gelangen, an dem sie bereit waren zu erkennen, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.]…